Reisebericht Venezuela – Piranhas, Wasserfälle und eine Seilbahn
Venezuela hat keinen Amazonas, aber den Orinoko. Der mehr als 2.000 Kilometer lange Fluss, der durch das riesengroße Land mäandert, ist ähnlich beeindruckend. Am Fluss spielt sich alles Leben ab. Turbulent, bunt und manchmal auch lautstark. Dann werden sogar die Vogelstimmen im nahen Regenwald übertönt. „Haltet einfach die Zehen ins Wasser und schon beißen sie“, rät uns ein Witzbold. Besser nicht, schließlich wollen wir Piranhas angeln. Diese sehen grimmig aus und genießen auch einen mörderischen Ruf.
Piranhas jagen hier alle, vor allem aber die Kinder aus den Indiosiedlungen nahe am Fluss. Sie benötigen dafür noch nicht einmal eine Angel. Eine Schnur mit Haken samt Fleischbrocken wird kurz durch das trübe Wasser gezogen – und schon beißt ein Raubfisch an.
Bei uns klappt es nicht ganz so gut. Am Ende haben wir dann doch noch mehr als ein halbes Dutzend Piranhas gefangen. Die Kunst ist es, die Viecher ordentlich vom Haken zu bekommen. Man muss sie geschickt und fest hinter den Kiemen packen, dann schnappen Zähne – scharf wie Rasiermesser – ins Leere. Die kaum handtellergroßen Fische werden ausgenommen, an der Seite zart eingeschnitten und von allen Seiten kräftig durchgebraten – dann sind auch die vielen Gräten essbar. Piranhas sind hier im Orinoko-Becken ein Grundnahrungsmittel. Auf auf den Märkten werden sie körbeweise angeboten.
Die landschaftliche Vielfalt Venezuelas lädt zu Rundreisen ein. Der Kontrast ist gewaltig. Die kleine gelbe Gondel mit dem dunklen Dach entführt uns in schwindelerregende Höhen. Dagegen ist die Zugspitze ein sanfter Hügel. Am Ende einer 12.550 Meter langen Reise mit der Seilbahn durch die Welt der Anden ist der Gipfel des Pico Espejo erreicht. In der Höhen-Sonne blitzt die monumentale Maria-Statue auf. Der Rundblick auf die permanent verschneite Spitze des 4.981 Meter hohen Pico Bolivar und anderer Giganten ist grandios.
Die Meridabahn ist die Seilbahn mit der höchstgelegenen Bergstation der Welt. Sie führt von Santiago de los Caballeros de Mérida hinauf in die mächtige Bergwelt der Anden, wo der Kondor kreist – und überwindet in vier Teilstücken insgesamt mehr als 3.000 Meter. Gegenwärtig ist die Seilbahn aber noch außer Betrieb. Sie wird in Sachen Technik und Sicherheit gewartet. Vielleicht, so die Hoffnung hier, geht wenigstens das untere Teilstück noch bis Ende 2009 wieder in Betrieb.
Von den Tafelbergen im Bergland von Guayana stürzen die höchsten Wasserfälle der Erde in die Tiefe. Wir lauschen einem ohrenbetäubenden Naturkonzert. Venezuela ist ein Land der Kraft und der Fülle. Die Tafelberge sind ein Teil des Nationalparks von Canaima. Er zählt zu den schönsten des Landes, was etwas heißen will, denn Venezuela kann stolz auf insgesamt 42 Nationalparks und 20 Schutzgebiete verweisen – mehr als jedes andere Land in Südamerika.
Am Ende einer langen Reise, die riesigen Entfernungen werden mit dem Flugzeug überbrückt, finden wir uns auf der Isla Margarita in der Karibik wieder. Die beliebte Badeinsel mit ihren Traumstränden zählt zu den Kleinen Antillen und ist touristisch bestens erschlossen. Aber noch lieber verbringen wir unsere letzten Tage im Land auf Los Roques. Dieser Archipel besteht aus 20 kleinen und von Korallenriffen umgebenen Inseln – und nur eine davon ist auch bewohnt.



